Romeo und Julia im Burgtheater
Die
Gelegenheit bot sich an! Shakespeares Romeo und Julia war im Burgtheater in der
Inszenierung von David Bösch programmiert. Im Anschluss daran lud die Direktion
zu einem Publikumsgespräch mit dem Dramaturgen Klaus Misbach und einigen beteiligten
Schauspielern ein. Im Klartext hieß dies: Das Theater ging weiter. Fragen zur
Inszenierung durften gestellt werden, blieben in der Tiefe allerdings häufig
unbeantwortet. Zur Frage der Rolle des Wassers in der Inszenierung, die einen
Teil der Handlung in einer Art von Wasserbecken spielen ließ, enthüllte sich,
dass dies eigentlich nur – wenn man die Antworten der Schauspieler und des
Dramaturgen zusammenfasste – einen gewissen Effekt- und Stimulanscharakter hatte. Wasser beispielsweise
als Symbol des Lebens, hier in die Nähe des Todes gerückt, verlor letztlich
einen potenziell symbolischen Charakter, fand seine Funktion auf einer Ebene
bloßer Effekthascherei, fast durchgängig im ganzen Stück präsent. Ähnliches
kann auch für die gleichwohl meisterlich durchgeführten Fechtkämpfe gelten, die
ebenso wie viele eigenproduzierten Textpassagen durch ihre Länge empfindlich
den Verlauf der Handlung und auch die Proportionen des Stückes störte. Die
Mischung zwischen der deutschen Textfassung von Thomas Brasch, der Übertragung
vieler eingefügter Textpassagen durch Bösch und die Schauspieler wurde vom
Publikum sichtlich als Entrümpelung eines romantischen Shakepeare-Bildes
goutiert, entkam allerdings nicht der Tendenz der Banalisierung. Die Diskrepanz
zwischen inhaltlicher Aussage und dramaturgischer Umsetzung mit einem Hang zur
(billigen) Effekthascherei wurde besonders deutlich bei der Musikauswahl, die in
einem Publikumsbeitrag hingegen als besonders gelungen bezeichnet wurde.
Misbach hob besonders die Fähigkeit Böschs gegenüber vielleicht anderen
Regisseuren hervor, eine große Kenntnis zu besitzen und romantische Stimmungen
erzeugen zu können. Nahezu unbemerkt im Widerspruch ergänzte Mercutio-Darsteller
Fabian Krüger, dass Bösch bei der Suche nach einer entsprechenden Begleitmusik letztendlich in einem Plattengeschäft gelandet
sei, und dort diese Musik aus den Lautsprechern gehört hätte. Mag dies ein
Zufall sein oder Fügung, aber gerade die bereits erwähnte Diskrepanz zwischen
höchster Leidenschaft der Gefühle zum einen und einer Trivialität – hier des musikalisch-qualitativen
Effektes - zum anderen brach hier konkret hervor. Die Bedienung billiger
Klischees, aus dem Publikum umschrieben als filmischer Effekt angesprochen, mag
zwar für viele Menschen einen virtuellen Lebensweltbezug besitzen, kann seine
Legitimation allerdings nichts aus einem Anspruch auf absolute Qualität
ableiten, sondern nur in der Bedienung relativer Qualität, deren Umsetzung
allerdings generell von Schauspielern und Dramaturg bestritten wurde.
Selbstverständlich war bei aller negativen Kritik am Inszenierungskonzept die
schauspielerische Leistung über alle Zweifel erhaben – nur wurde ich das Gefühl
nicht los, dass das größere Schauspiel im Anschluss an die eigentliche
Aufführung stattfand.
(10.04.2012)
Und
doch wieder die Augustiner…
Einmal
zu Ostern müssen doch die Augustiner besucht werden, und sei es am Ostermontag.
Das Festhochamt war wieder besuchermäßig überfüllt. Hier machte sich bemerkbar,
was eine gute Liturgie ausgemacht. Während am gestrigen Ostersonntag ja in der
Piaristenkirche Schuberts Es-Dur Messe klangschön aufgeführt wurde, die
sonstige Liturgiegestaltung keine nachhaltige Erinnerung hinterlassen wird, war
es heute wieder gerade das „Gesamtkunstwerk“ von Wort und Musik, Würdigkeit des
Anspruchs und Fröhlichkeit, und nicht zuletzt auch einfach die bemerkbare
persönliche Überzeugung aller Mitwirkenden, die weit über die Aufführung der
Mozartschen „Krönungsmesse“ und einiger Motetten der Wiener Klassik
hinausreichte. Wolfgang Capek bewies in Literatur (Lemmens: Fianle a. d. 2.
Sonate „Pascale“) und französisch angehauchter Improvisationskunst ebenfalls
eine glückliche Hand. Immer wieder Vorbildcharakter!
(09.04.2012)
Ein
grandioser Opernabend – Christian Thielemann mit Wagners Parsifal in der Wiener
Staatsoper
Die
Erwartungen waren hochgesteckt: Christian Thielemann verlieh Wagners Parsifal
neuen Glanz. Nach Peter Schneider und der letztjährigen Verpflichtung von Ingo
Metzmacher als Dirigenten war nun ein Pultstar verpflichtet worden, der als
solcher auch vom Publikum und mit den Sängern in den Hauptrollen mit einem 15-minütigen Beifall gefeiert
wurde. Etwas anderes als die Buhrufe, die Metzmachers Auftritt im vergangenen
Jahr begleiteten. Bereits in den ersten Takten wurde klar, dass Thielemann die
glückliche Balance gefunden hatte zwischen dirigentischer Kontrolle,
elektrisierendem Charisma und
gleichzeitiger Freiheit für das Orchester. Auch die Klangbalance zwischen
Sängern und Orchester – ein stets heikles Thema – war geglückt und nur in
manchen Fällen durch die von der Regieführung auf der Bühne zu weit hinten
positionierten Sänger gestört. Das höchst subtile und dennoch energiereiche
Dirigat sorgte für einen inspirierten Opernabend, an dem auch die Sänger einen
entscheidenden Anteil hatten. Angela Denoke mit ihrer stimmlich mörderischen
Partie der Kundry sang absolut überzeugend, ihren Parsifal-Kollegen Simon
O’Neill, dessen Vokalfärbungen wohl jeden Studienleiter eines Opernhauses
irritieren würde, qualitativ weit hinter sich lassend. Die dynamische
Bandbreite des Staatsopernorchesters von absoluten klangvoll gespielten
pianissimo-Stellen bis zu Klangexzessen bestätigte wieder einmal die Klasse
dieses Orchesters, dem lediglich die Solooboe nicht zu folgen mochte. Die
folgende Aussage mag vermessen sein: Trotz dieser Abstriche war es ein
grandioser Opernabend, mit einem besseren Parsifal und einer „besseren Oboe“
wäre es eine Sternstunde gewesen.
(08.04.2012)
Es
müssen nicht immer die Augustiner sein …
Das
kirchenmusikalische Angebot am Ostersonntag in Wien ist grandios und stellt vor
die Qual der Wahl: Besuch des Hochamtes in der Augustinerkirche (Haydn:
Harmoniemesse), Stephansdom (Beethoven: C-Dur Messe) oder Jesuitenkirche (Mozart:
Große Credo-Messe). Die Wahl fiel letztendlich auf die Piaristenkirche im 8.
Bezirk, in der sich Solisten, Chor und Orchester Schubert großer Es-Dur-Messe
widmeten. Den Besuch dieses Gottesdienstes in dieser historischen Stätte habe
ich nicht bereut. Hier erklang Haydn Nelson-Messe, die selbst mehrmals
dirigiert habe. Bruckner legte hier sein Orgelexamen ab, nach dem eines der
Kommissionsmitglieder meinte, dass Bruckner eigentlich die Kommission hätte
prüfen sollen. Und Hans Gillesberger (von vielen alten Schallplattenaufnahmen
bekannt) wirkte hier als Chorleiter. Eigentlich eine opulente Erfahrung: die
vollbesetzte Kirche mit ihren (nur) rund 200 Sitzplätzen mit einem doch sehr
aufwändigen und klangschön aufgeführten Werk der Wiener Klassik. Kompliment an
einen Kirchenchor in Wien, der eben nicht in der Inneren Stadt residiert und
Touristenströme attraktiert. Auch der Klang der historischen Buckow-Orgel –
wenngleich im Mixturbereich stimmungsmäßig derangiert- überzeugte. Vielleicht
schwebt eben auch der Genius früherer Musiker über diesem heiligen Ort ….
(08.04.2012)
Wien – immer wieder Wien
Schaut man die
kirchenmusikalischen Programme der österreichischen Hauptstadt durch, so wird
in der Karwoche eines deutlich: Die Aufführung der großen Bachschen-Passion
bleibt vergleichsweise sehr stark eingeschränkt. Während sich in zahlreichen
Großstädten Oratorien-, Kammer- und Kirchenchöre sich dieser Aufgabe widmen,
scheint zumindest im Umfeld der Karwoche diesbezüglich Zurückhaltung zu
bestehen. Ein Gang durch viele Kirchen bestätigt allerdings eine rege
kirchenmusikalische Praxis in den Ostertagen. Zumeist Repertoire der Wiener
Klassik, in einigen Kirchen wohl von hoher Qualität. So wird mich am Sonntag
der Gang auch wieder in die Augustinerkirche führen, deren Kirchenmusikprogramm
und Taktfrequenz einfach beispiellos ist (www.hochamt.at)
.
(06.04.2012)
Wien – 3
Der
Besuch einer Passionsandacht im gut gefüllten Stephansdom und ein Treffen mit
Bekannten, die ich ihm vergangenem Jahr kennen gelernt hatte, füllte diesen Tag
weitgehend aus. Intensiv waren dabei Diskussionen über den städtischen Haushalt
Wiens. Von ca. € 11 Milliarden des
Haushalts werden 2 % für Kultur aufgewendet. Hierzu zählen nicht Ausgaben für
Musikschule etc., die aus anderen Budgets getätigt werden. Die
Refinanzierungsquote ist enorm: pro € 10 € fließen € 100 wieder zurück
(Übernachtung, Verpflegung etc.). Hüben (Dland) wie drüben (Öland) steigen
jedoch die Kosten für den Sozialbereich: mit 11 % ist auch dort die Tendenz
steigend. 230.000 Gemeindewohnungen sind eine Messlatte für den sozialen
Wohnungsbau, in den in diesem Jahr € 800 Millionen, also etwas unter 8 %
investiert werden. Angesichts der 1,9 Millionen Einwohner Wiens eine schier
unglaubliche Quote!
(02.04.2010)
Wien
– 2
Ich
kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal aufgestanden bin um 7
Uhr auf der Orgelbank zu sitzen. Da die Übungszeiten in der Peterskirche, an
der ich wenige Tage später ein Konzert spielen sollte, aufgrund der Messe und
Beichten sehr eingeschränkt sind, war ein erster (und sehr nützlicher)
Übungstermin angesetzt. In den 2 zur Verfügung stehenden Stunden konnte ich
schon das Programm einregistrieren und mich auf die Eigenheiten des
Swobodsa/Kauffmann-Instrumentes von 1903 einstellen, das ich bereits im
vergangenen Jahr gehört hatte. Während das Klangbild auf der Empore eher mäßig
erscheint, hilft die grandiose Akustik: Ein deutsch-romantisches Instrument mit
österreichischem Akzent, das – wie sollte es auch anders sein- durch seinen
weichen Grundstimmenklang überzeugte und den Möglichkeiten des stufenlosen
Crescendos. Für den Zuhörer ein eindrucksvolles Instrument, das zwar etwas vom
Kauffmann-Umbau 1948 geprägt ist, aber immer noch genügend Substanz zur
überzeugenden Romantikfähigkeit bietet.
Wie
im vergangen Jahr war auch ein Besuch des Parsifal in der Wiener Staatsoper
programmiert. In Wien seit 27 Jahren eine Tradition über die Ostertage dieses
Großwerk aufzuführen und wie im vergangenen Jahr dirigierte Peter Schneider
höchst souverän. Eine höchst beeindruckende Aufführung, die auch in der Presse
ihren Widerhall fand: „Solche Dirigenten braucht die Oper“. Und ein Erlebnis,
das noch lange im inneren Ohr widerklang.
(01.04.2010)
Wien – 1
Wien
ist immer eine Reise wert und so führte mich denn auch mein diesjähriger
Osterurlaub, der mit 1 ½ Konzerten verbunden war, wie im vergangenen Jahr nach
Wien. Erster Zielpunkt war heute nach der Anreise die Peterskirche direkt am
Graben, unweit des Stephansdoms. Das kirchenmusikalische Programm dieser Kirche
ist reichhaltig und wahrscheinlich so – wie dort auch an vielen anderen Kirchen
– nur in Wien möglich. Eine Passionsandacht mit Bachs f-moll Konzert für Orgel
und Orchester und der Kantate „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ endete mit den
„Sieben Worten“ von Heinrich Schütz mit
der Camerata Viennensis unter Rudolf Scholz. Wie so oft in Wien war auch hier
die Kirche nicht nur gefüllt, sondern viele Besucher/innen nahmen auch die
lange Stehzeit in Kauf. Nach dem Konzert stellte sich ein höchst angenehmer
menschlicher Kontakt mit dem Rektor der Peterkirche Dr. Spalek her und mit
Michael Walcker-Mayer, dem Firmenleiter des österreichischen Zweigs der
bekannten Werkstätte mit Sitz in Guntramsdorf.
(31.03.2010)
The Diapason – 100
Jahre
Seit 100 Jahren ist nun der Diapason – eine
amerikanische Fachzeitschrift für Orgel, Chor, Carillon, Cembalo – auf dem
Markt. Mit der Ausgabe vom Dezember 2009 wurde auch ein Reprint der ersten
Ausgabe vom 1. Dezember 1909 veröffentlicht, der das damals aktuelle organale Zeitgeschehen
beleuchtet. Heute eher illustre Namen wie Hope-Jones genossen damals hohe
Aufmerksamkeit und Reputation, und im Gegenzug ist die Liste der amerikanischen
Orgelbauer mit deutschen Namen lang.
Dieser Bezug zu Deutschland zeigt sich auch in einer kurzen Notiz über den Spieltisch der „Beethoven-Orgel“,
der - aus der Bonner Minoritenkirche
stammend – nunmehr als Museumsstück erhalten blieb und einer Erwähnung würdig
schien. Mit einem Hinweis auf die Bambus-Orgel von Las Pinas auf den
Philippinen hat auch diese Kuriosität bereits frühzeitig Aufmerksamkeit erregt.
Die Orgelbauwerkstätte Klais aus Bonn restaurierte ja dieses Instrument und
brachte es nach langem Schweigen wieder in den Aufmerksamkeitsbereich der
Organisten.
Auch heute ist die Orgel im Salt Lake Tabernacle in
Utah immer noch ein Instrument, das synonym für die Stilepoche „American Classic“ steht. 1909 war dem
stilistisch noch nicht so, aber der frisch erfolgte Umbau durch Kimball in dieser
Zeit weist auf den Ruf des Instrumentes und die Reputation der musikalischen Veranstaltungen hin, die
bis in die Gegenwart hineinreichen.
Eine Dispositionsgegenüberstellung von zwei kleinen
zweimanualigen Instrumenten kann auch heute noch nachdenklich machen: Die
Überlegungen, dass leise(re) Registermischungen dreimal mehr gebraucht werden
als das Tutti eines kleineren Instrumentes zwingt zu klugen dispositionellen
Überlegungen, welche auch heute noch aktuell sind.
Dem Diapason, der als Magazin neben dem „American
Organist“ und den Publikationen der „Organ Historical Society“ steht, kann nur
eine weitere so erfolgreiche Zukunft gewünscht werden. Die monatliche Ausgabe
lese ich jedenfalls ausgesprochen gerne.
(24.01.2010)
Cavaillé-Coll ist tot – es lebe
Skinner!
Zwei CD-Produktionen
erreichten mich diese Woche, die vieles gemeinsam haben. Bei der CD „Eroica“
auf der neuen Alexander Schuke-Orgel des Magdeburger Doms –eingespielt durch
Barry Jordan – ist ein Großprojekt (/IV/92 Register + 1 Transmission) in
Kathedralakustik eingefangen, die CD „Improvisationen“ als Beilage zur neuesten
Ars Organi präsentiert Gerben Mourik an der für den Konzertsaal des dänischen
Rundfunks erbauten Van den Heuvel-Orgel (IV/91) in der trockenen
Montagehallenatmosphäre der niederländischen Firma. Die unterschiedliche
Klanglichkeit der Instrumente und die Interpreten stehen hier nicht zur
Diskussion, sondern das Phänomen, dass nunmehr nach vielen Jahren mehr oder
weniger geglückter Cavaillé-Coll-Adaptionen nunmehr der amerikanische
Orgelbauer Ernst Skinner bemüht wird. Ein Zitat aus dem von Gerben Mourik
verfassten Booklet-Text zum fünften Track: „Die Atmosphäre ist einigermaßen
„jazzähnlich“, und damit hört sich das Instrument kurz wie eine Skinner-Orgel
an“ – gemeint ist die Registrierung von Voix humaine des Récit mit 16’-Koppel.
Die Assoziation Jazz/Skinner mag ja auf
selektiven Klangerfahrungen des Interpreten beruhen, den Kern der orchestralen
Klangwelt Skinners trifft diese Äußerung ebenso wenig wie die Van den Heuvel-Klänge
an dieser Stelle.
Der theologische Magister
Wolfram Adolph, auch bekannt als Chefredakteur der Journals „organ“, betritt in
seinem Booklet-Text ein ähnlich gefährliches Terrain mit dem Hinweis auf die
Disponierung zweiter unterschiedlicher 8’-Prinzipale im Hauptwerk des
Magdeburger Instrument, angelsächsische Vorbilder werden zitiert und mit der
Praxis Skinners von bis zu vier unterschiedlichen Prinzipalen überhöht. Nun ist
die Ansammlung bzw. Verdoppelung von Prinzipalregistern nicht ein originäres
Verdienst des von mir höchstgeschätzten und mit Ehrfurcht betrachteten
Werk Skinners, eine Kurzgeschichte von
Prinzipalverdoppelungen seit der Barockzeit über die englische Traditionen des
19. und 20. Jahrhunderts, würde hier zu weit führen. Problematisch ist hier
ebenfalls, dass eine klangliche Nähe zu Skinner suggeriert wird, trotz
subtilerer Methoden nicht übersehbar.
Zuhörer beider CDs mögen
sich Gedanken über die partielle
klangliche Nähe dieser Instrumente zu Skinner machen – doch eine Voix
humaine mit 16’ Koppel oder doppelt besetzte Prinzipallagen machen genau so
wenig ein Skinner-Instrument aus wie die seit über 25 Jahre unausweichlich
disponierte Flûte harmonique samt Zungenbatterie nur in seltenen Fällen einen
akzeptierbaren Cavaillé-Coll-Klang erzeugte.
Ob damit ein tendenzieller Richtungswechsel in der
Orgelbauideologie und Propagandisten einleitet ist, werden zukünftige Booklets
und Artikel erweisen. Skinner-Klänge bei Van den Heuvel oder A. Schuke? Die
habe ich nicht gehört, wohl aber Instrumente von Van den Heuvel und A. Schuke …
(26.07.2008)
Richtigstellung
zum vorangehenden Beitrag – Relata refero
Auf einem Umweg
erreichte mich die Information, dass für die Rohlf-Orgel in St. Michael, Mering
doch ein Wartungsvertrag abgeschlossen worden ist. Nun gehört zu einer aktiven
auch eine passive Kritikfähigkeit, der ich hiermit – und damit gerne der
Wahrheit entsprechend – nachkommen möchte. Die mir Anfang Januar mitgeteilte
Information, auf die hin ich nochmals nachfrug, stellt sich somit als falsch
heraus – Relata refero. Dies beweist doch wieder die alte Tatsache, dass man
sich alles schwarz auf weiß ansehen muss, was ich allerdings – so muss ich
eingestehen – auch im Fall dieser Korrektur nicht gemacht habe. Allerdings sehe
ich die Angelegenheit insgesamt auch sehr gelassen, da bislang kein
Konzertmitschnitt angefordert wurde. Dies kann natürlich verschiedene Ursachen
haben. Im Rahmen der Selbstkritik – eine nicht überall verbreitete Praktik –
unterstelle ich einfach, dass ein solches Angebot in Bezug auf meine Person
wohl nicht interessant genug ist bzw. erscheint. Weitere mögliche Ursachen
erschließen sich der Leserschaft dieser Zeilen wohl augenblicklich – so hoffe
ich zumindest. Punctum saliens.
(06.03.2008)
Neue Rohlf-Orgel in St.
Michael, Mering
Zu einem Sylvesterkonzert (das zweite Konzerte an dieser Orgel nach dem Einweihungskonzert durch Prof. Dr. Ludger Lohmann am 16.12.2007) eingeladen, verbrachte ich einige Tage nahe Augsburg. Beeindruckend war die Gastfreundschaft der Meringer, die ich auch an dieser Stelle nicht in ihren Gefühlen verletzen möchte, leiteten sie doch ihren Orgelneubau mit den allerhöchsten Ansprüchen und Erwartungen in die Wege. Ob dies wirklich gelungen ist, bleibt natürlich diskutabel, allerdings sind auch persönliche Eindrücke durchaus legitim. Fakt war, dass sich dieses Instrument bei einer nahezu gleichbleibenden Temperatur von um die 12° C in seinem Stimmungszustand von Tag zu Tag verschlechterte. Intonation mag natürlich Geschmackssache sein, die herausstechenden Aliquoten und Mixturen in einem ohnehin für Bassfrequenzen nicht sonderlich empfänglichen Raum erscheint mir ebenso wenig gelungen und auf den Raum abgestimmt zu sein wie zu die allzu lauten Zungen. Die Gemeinde ist sicherlich bereit, genaue Auskünfte über die Aufbau- und Intonationszeit zu erteilen, ich möchte ich diese auf Rücksicht auf den Orgelbauer, der vielleicht eine solche öffentliche Bekanntgabe zu einer Offenlegung seiner „Betriebsgeheimnisse“ zählen würde, hier nicht darlegen. Als ausgesprochen misslungen muss die Anlage der Registerstaffeleien bezeichnet werden, welche durch ihren zu tiefen Ansatz an den Seiten als auch durch die ohne Notwendigkeit angelegte Enge ebenso wenig benutzerfreundlich angelegt sind wie der Schwelltritt und die Koppeltritte, welche Angstsymptome der Beschädigung bei Betätigung hervorrufen. Nachdenklich machte mich vor allem die Information, dass Herr Rohlf keinen Wartungsvertrag abschließen wollte, sondern der Gemeinde den Abschluss bei einem lokalen Orgelbauer in der Nähe empfahl. Da kann ich eigentlich nur hoffen, dass die Firma Rohlf trotzdem die übliche 10-jährige Gewährleistung für ihr geliefertes Instrument übernimmt – normalerweise verfällt diese Gewährleistung, wenn kein Wartungsvertrag abgeschlossen wird ...
Wer sich von der Klanglichkeit des Instrumentes überzeugen möchte, dem kann gerne ein Konzertmitschnitt zur Verfügung gestellt werden!
(erstellt Anfang Januar 2008)
Restauration der
Schorn-Orgel in St. Nikolaus, Euskirchen-Kuchenheim
Zugegebenermaßen können die folgenden Zeilen chauvinistisch klingen: die frisch durch Weimbs/Hellenthal restaurierte Schorn-Orgel in der Kuchenheimer St. Nikolaus-Kirche ist mir durch meine frühen Berufsjahre bestens bekannt, da ich doch selbst an ihr amtierte, einen international geprägten Orgelkonzertzyklus ins Leben rief, eine LP-Einspielung mit Prof. Dr. Hermann J. Busch initiierte, viele Konzerte gab und selbst auch 2005 noch eine CD einspielte. Es ist wohl eines der Instrumente, das ich am Besten kenne, und aufgrund seiner klanglichen Qualitäten immer sehr geschätzt habe. Hinzu kommen auch die langjährigen persönlichen Kontakte zu den Orgelbauern Weimbs aus Hellenthal, die vielleicht den Eindruck einer allzu subjektiv geprägten Aussage erwecken. Abseits dieser Vorbemerkungen bleibt aber einfach die Tatsache, dass die Schorn-Orgel durch diese Restauration nochmals an Charakter, Fülle, Ausgewogenheit und Intonationskultur gewonnen hat und klanglich in eine Form der Grandiosität gemündet ist, die wohl weit und breit ihresgleichen suchen muss. Ich scheue mich auch nicht die Klanglichkeit dieser mechanischen Schleifladenladen von 1895 in eine Reihe mit den Spitzenfirmen dieser Zeit zu setzen. Gewiss ist an diesem Instrument mit seiner historischen Substanz eine optimierende Intonation betrieben worden, die gleichwohl als Referenz für eine Intonationskultur auch bei neuen Instrumenten gelten darf. Wer den – wie gesagt – schon sehr schönen Zustand „davor“ kennt und mit dem „danach“ vergleicht, wird beeindruckt von dannen gehen und vielleicht auch über die Intonationskultur bei Neubauten nachdenken. Das Werk ist eine allerbeste Empfehlung für den Meister - und da Franz Joseph Schorn nicht mehr lebt für die Firma Weimbs und ihre höchst kompetenten Mitarbeiter!
(29.12.2007)
Zum 80. Geburtstag von Kurt Masur
Eine höchst informative
Sendung über das Leben des Altmeisters im MDR. Bemerkenswert auch die relativ
lange Orgelpassage in einem ca. 30-minütigem Fernsehbericht von 1981 zur
Einweihung des Neuen Gewandhauses. Kurz im Bild auch der damalige
Gewandhausorganist Matthias Eisenberg, dessen Wirken nach seinem „Umzug“ nach
Westdeutschland 1986 schlichtweg verleugnet wurde (s.a. Buchpublikation: Die
Gewandhausorgeln in Leipzig). Harald Schmidt als Moderator wirkte auf mich
größtenteils nur peinlich. Als Überraschungsgast bei einer Nummer aus Gershwins
„Porgy and Bess“ zeigte sich Schmidt den vokaltechnischen Anforderungen
(Intonation, Gestaltung) in keiner Weise adäquat gewachsen, ein ebenso
schlechtes Bild bot die Deklamation von Goethes Zauberlehrling: die
deklamatorische Vergewaltigung und Umprägung in einen typischen Schmidt-Stil
mag zwar für die Apogeleten des niederen Klamauks ein Genuss gewesen sein,
geschmackvoll war sei dennoch nicht. Hier zeigt sich das Dilemma der
„Unterhaltungskunst“: grundsätzliches Können fehlt und wird durch zweit- und drittklassige
Show überspielt.
(15./16.07.2007)
Konzerte in Petersdorf/Fehmarn und der Klosterkirche Preetz
Konzerte mit dem Trompeter
Albrecht Eichberger in Petersdorf auf Fehmarn brachten ein Wiedersehen mit der
dortigen Marcussen-Orgel, deren romantische Grundsubstanz trotz neobarocker
Umbauten mit Hinzufügung eines 3. Manuals (RP) immer noch in Grundzügen hörbar
ist. Anders das Instrument in der Klosterkirche zu Preetz, das Marcussen in den
1830ern romantisierte, und das auch noch seiner letzten Resuatierung so
belassen wurde. Die wohl einzigartige Kombination dieses aus dem 16.
Jahrhundert stammenden Instruments mit den romantischen Änderungen zeigt es,
dass es auch anders herum geht.
(31.08.2006)
Die neue Max-Reger-Orgel in Weiden in der Oberpfalz
Ein Kurzbesuch an der noch
nicht fertiggestellten Max-Reger-Orgel in Weiden in der Oberpfalz am 26. Juli
zeigte, dass dieses 53-stimmige, in deutsch-romantischem Stil konzipierte
Instrument der Fa. Weimbs/Hellenthal nun nach vielen Jahren der Planung Gestalt
annimmt. Der technische Aufbau ist ziemlich abgeschlossen, die Prospektpfeifen
„stehen“ schon, und man kann die klanglichen Dimensionen ahnen. Die Intonation
beginnt im Oktober, die Einweihung wird Anfang März 2007 sein. Infos samt
webcam unter www.weimbs.de . Ein Nachbarort leistet
sich ebenfalls eine neue Orgel, für die Matthias Eisenberg konzeptionell
verantwortlich zeichnet. Ebenfalls mit über 50 Stimmen versehen, zeigte sich,
dass dort eine andere Art von Orgelbau betrieben wird. Der Name der erbauenden
Firma braucht nicht eigens genannt zu werden, ein Besuch auf der Homepage
dieses -.nach eigenen Angaben
künstlerischen - „Unternehmens“ zeigt,
dass zumindest die Gebäudeinfrastruktur
für einen solch großen Neubau zu hinterfragen ist. Die Einweihung dieses
Instrumentes findet am 27. August 2006 statt, beim Besuch der Kirche am 27. Juli waren noch
nicht einmal die Prospektpfeifen eingebaut. Be(un)ruhigend – wie auch immer-
mag sein, dass Eisenberg bereits eine Reger-Gesamteinspielung auf diesem
Instrument angekündigt hat. Ein Kurzbesuch in der Basilika Waldsassen
bestätigte den Eindruck einer unreflektierten Gigantomanie. Längst ist dieses –
nach Aussagen in der Kirche - zweitgrößte Instrument Deutschlands nicht mehr
auf diesem Rang zu finden. Für die Pflege dieses Instrumentes ist übrigens die
gleiche Erbauerfirma zuständig.
(01.08.2006)
Einige Orgelsommerwochen in USA und Kanada
Der Besuch eines AGO
National Convention vom 30. Juni bis 5.Juli
in Chicago brachte neue Eindrücke über die amerikanische Orgelszene. Im
Vorfeld des Conventions gab Ken Cowan in
Oak Park, einem Vorort Chicagos, an einem Skinner-Instrument von mit ein brillantes Konzert. Oak Park,
literarisch als Geburtsort von Ernest Hemingway und architekturgeschichtlich
als Wohnort des amerikanischen Architekten bekannt, erwies sich auch als
Kontrast zu downtown Chicago mit seinen üblen Gerüchen und horrenden
Parkgebühren. Eine Stippvisite in der St. James-Cathedral (Episcopal) beim
Improvisationswettbewerb der AGO machte deutlich, dass hüben wie drüben sehr
unterschiedlich begabte Improvisationstalente vorhanden sind.
Der Besuch des
Gottesdienstes am Sonntagvormittag in dieser Kathedrale mit ihrer Skinner-Orgel
war vom musikalischen, aber auch vom Gesichtspunkt der gesamtes
Gottesgestaltung ein Erlebnis. Der eigentliche Convention begann Sonntagabend
mit einem Konzert in Chicagos Orchestral
Hall. Unter dem Dirigat Julian Wachners war ein – eigentlich zu langer – Abend
der Kombination Orgel-Orchester gewidmet, der zum Schluss zu
Ermüdungserscheinungen führte. Das im Gegensatz zu vielen deutschen
Instrumenten wirklich als Konzertsaalorgel konzipierte Casavant-Opus wurde
allerdings von den meisten Organisten – die glorreiche Ausnahme David Schrader
! – viel zu laut registriert.
Kreuzkirche Essen
Auch die Evangelische
Landeskirche leistet sich Kapriolen in der Vergütung. Die renommiere Stelle an
der Kreuzkirche in Essen ist nur mit 75% Beschäftigungsumfang ausgeschrieben,
dafür kommen wahrscheinlich bei der Bedeutung und den enormen musikalischen
Aktivitäten 125% Arbeit als Kompensation hinzu. Die Gnade, dort überhaupt noch
mit 75% BU angestellt zu sein, schimmert auch im Ausschreibungstext durch: Die Genehmigung von Nebentätigkeiten, die der
Stelleninhaberin / dem Stelleninhaber die Existenzsicherung vergleichbar mit
100% BAT-KF ermöglichen, wird in Aussicht gestellt. Dass der BAT im vergangenen Jahr durch den TVöD
abgelöst wurde, scheint in evangelischen Kirchenkreisen genauso unbekannt zu
sein wie die Ausschreibung auf
Dienstherrenattitüden hinweist. Das alles erinnert mich an die
Ausschreibung meiner „alten“ Stelle St. Sebastian in Bonn im Jahre 1995, als
dort bei 50% BU die „Möglichkeit von Nebenbeschäftigungen gewährt“ wurde.
(31.01.2006)
Organistenvergütungen
Den Höhepunkt oder besser Tiefpunkt an
Vergütung für Organistenvertretung bietet eine sonst finanziell wohl situierte
katholische Gemeinde im südwestlichen Münsterland: Mit € 10,50 pro Gottesdienst
bleibt wohl angesichts der Benzinpreise kaum etwas übrig. Das wenige Übrige
darf man auch noch versteuern. Mit dem Wegfall der Pendlerpauschale 2007
dürften dann wohl Gottesdienste vermehrt ohne Orgelspiel statt finden.
(07.01.2006)
GdO-Homepage
Durch eine andere Homepage
darauf aufmerksam gemacht, besuchte ich unlängst eine Seite unserer
deutschsprachigen Gesellschaft der Orgelfreunde: http://www.gdo.de/hausorgel/orgel/kantate/kantate.mp3.
Zu solchen Darbietungen - oder wie
auch immer man diese Klanggebilde nennen mag -
verbietet sich wohl jeder wohlmeinende Kommentar. GdO als Kürzel für
„Geisselt die Ohren“?
(04.01.2006)
Dresden
Höchst beeindruckend war in
der vergangenen Woche eine kurze Reise nach Sachsen. Die sächsische
Landeshauptstadt steht kurz vor der Vollendung der Frauenkirche, das Ensemble –
alt und neu – im Innenstadtbereich wird immer mehr komplettiert und schon jetzt
ist es trotz aller Baumaßnahmen wunderschön. Ein Besuch in der Hofkirche mit
einem morgendlichen Konzert von Domorganist Hansjürgen Scholze, mit
anschließender privater Orgelführung zeigte eindruckend die klanglichen und
handwerklichen Qualitäten des Silbermann-Instrumentes. Auch Herrn Scholze, der
sich trotz Termindruck die Zeit für eine Führung nahm, sei für den warmherzigen
Empfang herzlich gedankt. Auch die frisch restaurierte Jehmlich-Orgel in der
Kreuz-Kirche ist in ihrer Art nunmehr historisch. Besuche an Instrumenten der
Silbermann-Nachfolge in Callenbach und Stollberg, aber auch der Jehmlich-Orgel
der Lutherkirche in Zwickau, an der jetzt Matthias Eisenberg amtiert,
hinterließen tiefgehende Impressionen.
Sicherlich nicht der letzte Besuch in
Sachsen.
(12.10.2005)
Werbung für Klassik Center Kassel
In den Zeiten der Globalisierung ist auch der Erwerb von Orgel-CDs aus anderen Ländern wesentlich einfacher geworden. Neben dem Marktriesen jpc hat sich für die Orgelbranche besonders das Klassik Center Kassel hervorgetan, das mit vielen Raritäten versorgt und diese auch entsprechend bewirbt. So ist besonders eine Einspielung mit Orgelsonaten Andrea Luchesis hervorzuheben: Robert Loreggian spielt an der Callido-Orgel von Candide de Cadore – Belluno – höchst virtuos und mit Verve Sonaten und Divertimenti des Beethoven-Lehrers. Ohne das Klassik Center Kassel wäre ich wahrscheinlich nicht auf diese wunderschöne CD gekommen.
(04.10.2005)
Orgeldisposition
Auf den Seiten eines deutschen Orgelbauers mit langjähriger Tradition und großem, aber nicht immer wohlklingendem Namen, stieß ich auf die Meldung, dass dieser den Auftrag erhalten hätte, ein spätromantisches Instrument mit 19 Registern seiner Firma in Südamerika zu restaurieren. Aufträge sind natürlich immer willkommen und deshalb herzlichen Glückwunsch! Die kleine, eigentlich recht übliche Disposition, wurde besonders hervorgehoben und als „ganz nach meinem Geschmack“ gelobt. Über Geschmack lässt ja bekanntermaßen trefflich streiten, solche Aussagen lassen allerdings auch Rückschlüsse über die Einordnung von Orgeln in einen gesamtgeschichtlichen Kontext zu.
(01.10.2005)
Christian Thielemann
Ein unglaubliches
Fernseh-Konzerterlebnis war heute Abend die Sendung „Sommernachtstraum“ im ZDF.
Anstelle der unter diesem Titel üblichen
erotischen Bildabfolgen dirigierte Christian Thielemann in allerbester
deutscher Kapellmeister-Tradition die Münchener Philharmoniker mit Werken von
Wagner und Schubert im Schloss Herrenchiemsee.. Ohne dirigentische Show ein musikalisch höchst profundes Konzert
mit einem Meistersinger-Vorspiel und
Teilen aus Tristan von höchster Intensität und melodischer Klimax alla Mahler.
Hier hat München nun nach Berlin einen unprätensiösen Stardirigenten, dessen
Musik das Publikum erreicht – wenngleich der Fernsehblick ins Publikum deutlich
zeigt, dass Ergriffenheit und Showerwartung nicht übereinander gehen. Ein
abrupter Stimmungswechsel nach dieser Sendung mit dem trivial-musikalischem
Werbenachspann zeigt nur noch die Bodenlosigkeit des redaktionellen Niveaus des
öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf.
(04.09.2005)
Orgelbau vor 50 Jahren
Schon ein historisches Instrument ist die
Beckerath-Orgel in der St. Nicolai-Kirche zu Wyk-Boldixum auf Föhr. Vor 50
Jahren (1955) errichtete
Rudolf von Beckerath dieses
Instrument mit dem Rückpositiv-Gehäuse von Klappmeyer. Der akustisch
staubtrockene und akustisch schwierige Raum erhielt ein Instrument, mit dem
sich auch heute noch eine Auseinandersetzung – keine Konfrontation im negativen
Sinne – lohnt. Dispositionell eher neobarock angedacht, erweist sich das
Klangbild als klanglich gar nicht so steil. Die
verkürzten Manual- (C-c’’’) und Pedalumfänge (C-d’) sowie nach rechts
versetzte Positionierung der Pedalklaviatur sind eher für den Interpreten
problematisch – besonders bei nicht-barocker Literatur. Auch bei dieser Orgel
wurde die Koppel RP/Ped nachgerüstet, der Tremulant und der Zimbelstern sind
mangels Finanzkraft der Kirchengemeinde eher nicht funktionsfähig, ansonsten
erscheint die Orgel als sehr gut gepflegt. Immer mehr steigt mein Respekt vor
Rudolf von Beckerath, obwohl ein Orgelprospekt
mit Naturgusspfeifen wahrhaftig keine Zierde der Orgel ist.
(18.0.8.2005)
Konzertreise nach Schleswig Holstein
Das erste von drei Konzerten
mit dem Trompeter Albrecht Eichberger führte in die St. Christian- Kirche zu
Garding. Der älteste Renaissance-Prospekt Norddeutschland und das historische
Rückpositivgehäuse wurden 1974 von Karl Schuke mit klingendem Innenleben
versehen. Ein klanglich bemerkenswertes Instrument von enormer Potenz. Pfiffig
das Regal in einem Kasten direkt über dem Spieltisch, das so manche freche
Spielereien zulässt. Bedauernswert sind leider vor Ort die Kürzungen im
Beschäftigungsumfang des kirchenmusikalischen Bereichs, aber auch die
mangelnden Geldmittel für Konzerte. Am Engagement der rührigen Kirchenmusikerin
liegt dies sicherlich nicht!
(17.08.2005)
Konzert in Bad Münstereifel
Wie jedes Jahr im Sommer in der Ev. Kirche zu Bad
Münstereifel an der Ott-Orgel. In der letzten Zeit komme ich mehr und mehr auf
die Qualitäten des Neobarock zurück, wenngleich auch an diesem Instrument zwei
Orgelbauer (Weimbs und Fasen) klangliche Verbesserungen vorgenommen haben. Wie
immer man auch klanglich zu diesen Instrumenten steht, so ist doch die
handwerkliche Qualität immerhin so profund, dass sie laufen und laufen und
laufen ...
(14.08.2005)
Schlecht bezahlte Ärzte
Unsere an Krankenhäuser
praktizierenden Ärzte durchwandern und erleiden ein Tal der Tränen und des
Leides, verdienen sie doch gar erheblich weniger als ihre ausländischen
Kollegen. Neidische finanzielle Betrachtungen liegen mir dabei völlig fern,
wohl aber jenen nahe, die diesen Beruf, der eigentlich auch eine Berufung sein
sollte, ergriffen haben. Dieser Berufsstand, der momentan das höchste Ansehen
in der deutschen Bevölkerung genießt, scheint als Assistenzarzt mit BAT II am
Hungertuch zu nagen. Auch Oberärzten und anderen medizinischen
Funktionsträgern, die schon mit und ab BAT I vergütet werden, scheint dieser
Verdienst als deutlich zu wenig. Man vergleiche die tarifliche Vergütung von
Kirchenmusikern oder Musikschullehrern einmal mit diesen Vergütungsgruppen.
Doch Kirchenmusiker scheinen ihren Kreuzstab gerne tragen zu wollen, der
Äskulapstab jedenfalls – wenn man die Äußerungen des Hartmann-Bundes dahingehend
interpretiert - darf ruhig vergoldet und
finanziell von anderen getragen werden.
(12.08.2005)
Eta Harich-Schneider
Meine momentane literarische
Beschäftigung mit der Biographie der Cembalistin Eta Harich-Schneider
(Charaktere und Katastrophen) hat
Bewunderung erweckt. Gewiss haben die Zeitumstände viel zum ereignisreichen
Leben dieser bemerkenswerten Frau beigetragen. 1. und 2. Weltkrieg, der
NS-Staat, künstlerische Verfolgung, das Leben in Japan während und nach dem 2.
Weltkrieg, die Übersiedlung in die USA, und eine Spionagegeschichte alla sex
and crime machen nicht nur diese Biographie spannend zu lesen, sondern auch zu
einem Zeitdokument und historischer Primärquelle. In diesen Tagen, 60 Jahre
nach dem Abwurf der beiden Atombomben auf Japan, sind die Schilderungen
Harich-Schneiders vom japanischen Leben in dieser Zeit frappierend. Die subjektive Sicht auf Musikgrößen der Berliner
Musikhochschule vor dem 2. Weltkrieg, auf deren Verhalten und (un-)menschliche
Einstellung, beleuchtet viel unbeschriebene Geschichte. Menschliche
Enttäuschungen, welche die Gloriolen prominenter Künstler zum Erlöschen
brächten, sind allerdings nicht weiter wissenschaftlich beachtet. Ein Verweis
auf Larry Palmers Buch „The Harpsichord in America“, das ich diesen Sommer in
Montreal antiquarisch erstand, sei gestattet: die amerikanische Ikone Ralph
Kirckpatrick scheint in dieser Richtung tabu zu sein, obwohl Palmer Eta H.-S.
Biographie in einem für Kirckpatrick wohlwollenden Sinne zitiert, während dort
die negativen Erfahrungen mit K. überwiegen. Auch eine Geschichtsklitterung
besonderer Art!
(11.08.2005)
Musikpädagogik und Qualität
Im Gustav Bosse Verlag erschien die Neuauflage des
Lexikons der Musikpädagogik. Eigentlich verdienstvoll, fehlt mir doch der
Qualitätsbegriff. Die Musikpädagogik scheint auf lexikalischer Ebene noch keine
Definition für Qualität gefunden zu haben, oder ist gar der Primat einer
relativen Qualität doch gar zu peinlich?
(10.08.2005)
Schlecht besuchtes Orgelkonzert? Nicht in
Zwillbrock!
Welche Anziehungskraft
Orgelkonzerte haben können, zeigte das heutige Konzert des kanadischen
Orgelduos Sylvie Poirier und Philip Crozier in der Barockkirche zu Zwillbrock.
Wirklich nur einen Steinwurf von der holländischen Grenze gelegen, mausert sich
das Gotteshaus einer nur kleinen Kirchengemeinde seit einigen Jahren zu einer
spirituellen Konzertstätte, die Besucher von nah und fern anzieht. Die 200
Sitzplätze der Kirche waren belegt, weitere Besucher mussten noch stehen. Die
oft verpönten neobarocken Klangqualitäten einer Ott-Orgel – um eine solche
handelt es sich nach dem Umbau in den 60-er Jahren maßgeblich im Klangbild –
scheinen den regen Besucherzustrom zu
den Orgelkonzerten nicht zu bremsen. Natürlich geben das grandiose barocke
Orgelgehäuse und die immer noch durchhörbare barocke Klangsubstanz ihren Teil
dazu, das hohe interpretatorische Niveau der Interpreten tut ein Übrigens, und
so wird Zwillbrock zum (Orgel-)Konzerterlebnis für die Besucher. Bemerkenswert!
(07.08.2005)
Kompetenzprobleme bei Orgelsachverständigen?
Die Kirchenmusikerin, Konzertorganistin und
Orgelbaumeisterin Andrea Walentowicz hat mit ihrem Leserbrief in Ars Organi
wieder einmal
das Problem der Sachverständigenausbildung angesprochen und bemängelt.
Gerhard Walcker schlug auf seiner Homepage in die gleiche Bresche – berechtige
Kommentare zu immer wieder zu beobachtenden Unständen. Das Kernproblem der
mangelnden Kompetenz scheint mir jedoch nach der Analyse der mit Regelmäßigkeit
publizierten Meinungsäußerungen von Frau W. eher ein Nebenschauplatz zu sein. Dies ist nicht der richtige Ort, um psychologische
Fallstudien zu betreiben, warum und weshalb bestimmte Personen das Orgelrad neu
zu erfinden gedenken. Entscheidender ist wohl hier die Beobachtung, dass mit
diesem Leserbrief in mehr oder weniger sublimer Form ein Kompetenz-Freibrief
für die Orgelbauer ausgestellt wird. Persönlich bin ich noch keinem
Orgelsachverständigem begegnet, der Orgelbauer zu schlechter Intonation, zur
Verwendung von qualitativ minderwertigem Material, unsensiblen Trakturen etc.
angehalten hat. Die Realität zeigt, dass trotz Meisterbrief von Orgelbauern
viele schlechte Instrumente (wie immer man auch diese definieren mag) erbaut
werden. Manchmal werden diese gar von den Sachverständigen noch über den grünen
Klee gelobt – ein Pluspunkt für die Erbauer missratener Klangerzeuger und die
negative Bestätigung eines Klischees. Vorsicht ist also auch angeraten bei der
Ausbildung von Orgelbaumeistern, denn wirkliche Kompetenz ist nicht alleine
durch den Meisterbrief erreicht – ebenso wenig wie manche Instrumente durch die
Kritik an anderen Orgeln oder Personen besser werden oder gar Reverenzorgeln
werden.
(05.08.2005)